Klärung: Wie ich Achtsamkeit verstehe!

Immer wieder bemerke ich skeptische Blicke, wenn ich von Achtsamkeit rede. Manche trauen sich auch zu fragen, ob das nicht etwas Esoterisches sei. Auch bei Fotografinnen und Fotografen habe ich manchmal das Gefühl über diesen Blog "Fotografie und Achtsamkeit" doch etwas belächelt zu werden. Ich habe für all dies auch ein gewisses Verständnis, weil der Begriff der Achtsamkeit leider in den letzten Jahren für alles Mögliche herhalten musste und leider auch werbewirksam missbraucht wird (auch von Fotografen!). Mit dem Slogan "Achtsam" lässt sich vieles besser "verkaufen". Auch vielen Kursen und Workshops zur Achtsamkeit, wie man sie auch hier im Netz oder in einem breit gefächerten Buchangebot findet, steh ich sehr kritisch gegenüber. Dazu bin ich als Naturwissenschaftler und Mathematiker viel zu sehr Realist. Auch der Theologe in mir lehnt jede Form von Esoterik ab. 

Ich orientiere mich bei meinem Verständnis an Jon Kabat-Zin, der die therapeutische Anwendung der Achtsamkeit begründet hat, sehr gut nachzulesen in seinem Grundlagenwerk: "Gesund durch Meditation". Seine Vorgehensweise ist inzwischen weltweit anerkannt und in ihrer Wirksamkeit wissenschaftlich belegt. Kurz und knapp ausgedrückt lernt man in den auf ihn zurück gehenden MBSR-Kursen bewusst im jeweiligen gegenwärtigen Augenblick zu sein und wahrzunehmen ohne zu bewerten. Die Gegenwart, der jetzige Moment ist das konkrete Leben. Die Vergangenheit ist vorbei und die Zukunft noch nicht aktuell. Sie werden nicht einfach verdrängt, aber sie sind einfach nicht so wichtig wie die Gegenwart, in der ich jetzt lebe. 
Durch intensive Übungen wie den Bodyscan, bei dem man gedanklich den Körper durchgeht und auch evtl. Gefühle oder Schmerzen wahrnimmt ohne sie zu bewerten, oder die Atemmeditation, wird diese Denkweise allmählich verinnerlicht. Gerade die Meditation, bei der wir einem Gedankensturm ausgesetzt sind, lässt das Wahrnehmen ohne Wertung üben. Wer versucht einmal einige Minuten in aller Stille zu sitzen, wird merken, wie viele Gedanken kommen und unseren Geist ablenken. Sie kommen und gehen zu lassen ohne sie zu bewerten und ohne an ihnen hängen zu bleiben, hat auf Dauer Auswirkungen auf meinen Alltag. Eine wichtige Hilfe bei der Meditation als auch im Alltag ist die Besinnung auf den Atem ( s. Blogbeitrag "Der Atem ist mein Anker").
Kleinere Übungen wie achtsames Essen oder Zähneputzen ergänzen zusätzlich. Achtsames Essen könnte man auch als bewusstes Essen bezeichnen, ich esse ohne Ablenkung, bin voll und ganz dabei - was ja auch gesunder sein soll. Schon im Verlauf des Achtwochenkurses habe ich irgendwann gemerkt, dass Zeitunglesen beim Frühstücken einfach nicht mehr ging, dass es mir regelrecht widerstrebte. So sind meine Gedanken voll und ganz beim Essen oder auch beim Zähneputzen. 


Und wozu soll das gut sein? Jon Kabat-Zin hat seine Kurse zur Stressbewältigung entwickelt, eine Weiterentwicklung hilft auch gegen Depressionen. Dass die Achtsamkeit wirkt, habe ich am eigenen Leib erlebt. Jahrelange beruflichen Überlastung hat bei mir zu einem schweren Burnout geführt, der sich bei mir in sehr heftigen wochenlangen  Kopfschmerzen und wie so oft auch in Depressionen und Angststörungen mit Panikattacken zeigte. Medikamente halfen über die erste Zeit, allerdings weniger gegen die Kopfschmerzen, die erst jetzt allmählich weniger werden. Psychotherapie war vollkommen wirkungslos. Erst ein MBSR-Kurs, der zeitlich passend angeboten wurde, zeigte mir einen Weg aus dem Tief. Wenn man am Boden liegt, greift man nach jedem Strohhalm. Da ich das, was ich angehe, auch meist recht konsequent durchhalte, habe ich die täglichen Übungen in meinen Alltag integriert. Man kann und darf beim Achtsamkeitstraing nichts erwarten. Das Ergebnis ist auch nach dem achtwöchigen Kurs nicht konkret greifbar, aber ich hatte immerhin eine gewisse Ahnung. Viele geben leider schon in den acht Wochen auf.

 

Ich, der ich fast mein Leben lang ein hypochondrische Züge hatte, kann jetzt z. B. viel besser mit meinen Ängsten leben. Viele tauchen schon gar nicht mehr auf. Mein Hausarzt, den ich noch vor einigen Jahren mehr oder weniger wöchentlich aufgesucht habe, sieht mich jetzt nur noch sehr selten. Bei einer schweren Erkrankung mit sechs OPs in drei Wochen konnte ich mich selbst so in eine Ruhe versetzen, dass ich auf dem Weg zum OP und im Vorbereitungsraum noch mit den Pflegekräften scherzen konnte. Der Anästhesist gab mir zusätzlich Sauerstoff, weil er der Meinung war, dass ich zu flach atmete. Erst mein Hinweis auf Meditationstechniken überzeugte ihn. Es gibt noch weitere Erfahrungen, die mich in meiner Form der Achtsamkeit bestätigen.

 

Unbewusst lebe ich immer stärker in der Gegenwart, die Zukunft und auch die damit verbundenen Ängste sind dadurch recht weit weg und weniger relevant. Stress lässt sich dadurch einfacher ertragen und er wird auch weniger. Ich rege mich weniger auf und fresse auch weniger in mich hinein. Ich nehme sehr intensiv meine Gegenwart wahr, sehr viel intensiver als früher und das hat auch Auswirkungen in meiner Fotografie, ich sehe mehr und auch neue andere Motive, ich sehe sie aus anderen Blickwinkeln und reagiere schneller. Das will ich hier in diesem Blog vertiefen und auch für andere verfügbar machen.

 

Ganz wichtig ist mir noch einmal klar festzustellen, dass meine Form der Achtsamkeit absolut nichts mit Esoterik zu tun hat. Es ist auch keine verniedlichte Form des Buddhismus, Meditationen und Stilleübungen gibt es in vielen Religionen. Und es ist auch keine Form einer extremen Ich-Bezogenheit, gerade durch das Training werde ich viel offener in meiner Wahrnehmung und dadurch auch viel offener für meine Umwelt und die Welt im Ganzen. Mir persönlich hat diese Form der Achtsamkeit, die ich auf der Grundlage von Jon Kabat-Zin für mich entwickelt habe, sehr viel gebracht. Und hoffentlich bringst sie mir auch noch weiterhin sehr viel.