Die Ruhe im Alter - oder die unbewusste Achtsamkeit

Übers Wochenende waren wir zu Besuch bei meinem 87jährigen Schwiegervater. Seit dem Tod seiner Frau vor knapp zwei Jahren lebt er alleine. Er ist ein äußerst bewundernswerter Mensch, von dem man wirklich sagen kann: Er hat die Ruhe weg. Vom Beruf her Landwirt und Winzer hat er schon in seiner Jugend die Freude an der Musik und besonders am Orgelspiel entdeckt und über mehr als 70 Jahre an den Kirchenorgeln der großen Pfarrei die Gottesdienste musikalisch begleitet. Da seinen Augen seit einiger Zeit das Notenlesen schwer fällt, musste er leider damit aufhören. Heute schaut und hört er sich dafür fast täglich Orgelkonzerte auf YouTube an (!). Technik-affin ist er schon so lange ich ihn kenne. Lange Zeit war das Filmen mit einer Super-8-Kamera sein großes weiteres Hobby.  So war es eigentlich klar, dass mit seinem Eintritt in den Ruhestand ein PC ins Haus kam, er vieles neu lernen musste, seit dieser Zeit Mails schreibt, im Internet surft und mit seinen Kindern und Enkeln skypt. Zu einzelnen Etappen seines langen Lebens hat er schon Kurzchroniken in Bild und Wort verfasst und lässt so seine große und weit verstreute Familie auch teilhaben. 

Viele Bilder finden sich auf seinem PC, entweder von ihm selbst eingescannt oder von seiner einfachen Digitalkamera heruntergeladen. Er sammelt Bilder und Dokumente aus seinem Leben und seinem Umfeld. Jedesmal überrascht er uns mit neuen Raritäten und köstlichen - oft auch nachdenklich machenden - Erzählungen dazu. Mit diesen Bildern kommt Vieles aus seinem langen, erfahrungsreichen und oft auch schweren Leben wieder in die Gegenwart. Er lebt in diesen Erzählungen regelrecht auf, kann immer wieder herzhaft lachen und sein Leben in aller Einfachheit genießen. Wenn man mit ihm unterwegs ist, zückt er immer wieder seine schon etwas antiquierte digitale Kompaktkamera und hält etwas fest, Bildrauschen oder eine leichte Unschärfe sind für ihn dabei nebensächlich. Wichtig ist der Moment, das für ihn bedeutungsvolle Motiv. Er, der sicherlich von Achtsamkeit und ihrer Bedeutung noch nichts gehört hat, lebt sie vollkommen unbewusst. Jeder Tag hat für ihn seinen tiefen Wert. Seine Ruhe und seine Lebensfreude sind beeindruckend und bewundernswert. In Richtung Achtsamkeit kann ich von ihm noch sehr viel lernen. 


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Kommentare: 3
  • #1

    Missessixt (Dienstag, 14 März 2017 07:37)

    Sehr schön geschriebener Artikel!
    Ich bewundere immer wieder alte Menschen und versuche mich in ihre Vergangenheit zu versetzen.
    Diese Person ist einzigartig und ich liebe sie.
    An alle diese Menschen ein großes Dankeschön.
    Ihr habt uns viel beigebracht!

  • #2

    Bernhard Eichenberger (Dienstag, 14 März 2017 09:42)

    Lieber Wilfried
    Dein aktueller Blog lässt mitschwingen: Ich kann Deine Wertschätzung und Bewunderung sehr gut nachempfinden. Man kann Alter über Defizite oder Ressourcen definieren. Das, was Du beschreibst, ist die innere Ruhe, die einen anderen Blick auf die Welt ermöglicht. Und die Paarung mit Neugierde. So gibt es alte Menschen, die jünger, vitaler sind als jüngere Menschen. Es ist unsere Verantwortung, was wir aus uns machen.
    Herzliche Grüsse
    Bernhard

  • #3

    Elisabeth Hase (Dienstag, 14 März 2017 20:07)

    Der Baum passt für mich ganz ausgezeichnet zu diesem Artikel.
    Dein Beitrag ist lesenswert und anregend.
    Grüsse aus Jena
    Elisabeth