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Ich und "die Anderen"

Ich habe den Titel bewusst so gewählt, obwohl ich die Redensart mit dem Esel kenne. Mir geht es um mich und meine Empfindungen bei der Begegnung mit  den "Anderen". "Die Anderen" sind eine Gruppe Sinti in einer Obdachlosensiedlung von Fulda, die der Dortmunder Fotograf Wolfgang Schreier - in jungen Jahren - vor genau 50 Jahren porträtiert hat. Seine ausdrucksstarken Schwarzweiß-Bilder zeigt er seit Sonntag in der Galerie des Kunstvereins in Fulda. Ich kenne Wolfgang Schreier (http://www.wolfgang-schreier.de) schon durch Facebook und war daher sehr gespannt, ihn bei der Vernissage auch persönlich kennen zulernen. Trotz des regen Besucherandrangs hatten wir die Zeit für zwei kurze Gespräche, einem Kennenlernen in der virtuellen Welt folgte so eine gute Begegnung in der realen Welt. Und wir werden uns demnächst noch einmal sehen. 

Es war überhaupt ein Nachmittag der Begegnungen: Nachkommen der porträtierten Sinti waren gekommen, sie waren von den Bildern deutlich ergriffen. Sie sahen Bilder, die sie vorher nicht kannten und erkannten ihre inzwischen meist verstorbenen Verwandten wieder. Ich hatte das Glück zu einem längeren Gespräch mit einem von ihnen. Sein Vater, mit dem er verblüffende Ähnlichkeit hatte, und auch sein Großvater sind unter den Porträtierten. Wir tauschten uns intensiv über unsere doch so unterschiedlichen Lebenswege aus, entdeckten dabei auch eine Reihe von Gemeinsamkeiten. Es war ein gutes tiefes, sehr intensives Gespräch. Mich machte es auch sehr nachdenklich. 

Eine weitere Begegnung war die mit Ernst Wilhelm Grüter (https://ernst-wilhelm-grueter.de), einem weiteren Fotografen, den ich auch von Facebook her kenne und der extra für diese Vernissage aus Hamburg angereist war. Er war an diesem Nachmittag deutlich im Fotografiermodus, es war für mich spannend zu beobachten, wie er sich geschickt durch die große Anzahl von Besuchern schlängelte (wie ein Bächlein), um gute Fotopositionen einnehmen zu können. Seine Bilder dieses Nachmittags, die ich inzwischen sehen konnte, zeigen sein großes Können und machen mich fast etwas neidisch.

Ich hatte zwar meine Kamera dabei um ggf. nichts zu verpassen, habe aber während der Vernissage kaum fotografiert. Auf mich wirkten die intensiven Bilder von Wolfgang Schreier, die in meiner Nähe hingen, und die ich während der Vernissage ausgiebig betrachten konnte. Auf mich wirkten auch die erklärenden Worte des Kurators dieser Ausstellung und auf mich wirkten auch die zugleich stolzen wie ergriffenen Blicke der anwesenden Sinti. Musikalisch wurde das Ganze noch untermalt von Musik im Stil von Django Reinhardt. Diese Vernissage sprach mich sehr intensiv ganzheitlich an, da konnte ich einfach nicht fotografieren. In Anlehnung an ein Bibelwort habe ich in einem früheren Blogbeitrag einmal formuliert: Es gibt eine Zeit zum Fotografieren, und es gibt eine Zeit zum Nicht-Fotografieren. Für mich war es das zweite. Wie unterschiedlich Menschen sein können, habe ich an diesem Nachmittag am Beispiel meines Facebook-Freundes Ernst Wilhelm Grüter erfahren dürfen, für den es vermutlich eine intensive Zeit des Fotografierens war, und dem ich dankbar bin für die Bilder, die ich nicht machen konnte und vielleicht auch nicht könnte. Für mich war dieser Nachmittag mal wieder ein spannendes Beispiel von der Vielfältigkeit der Achtsamkeit. 

Allen, die in nächster Zeit einmal in die Nähe von Fulda kommen, kann ich nur empfehlen, sich diese Ausstellung von Wolfgang Schreier (http://www.kunstverein-fulda.de) anzusehen und die Bilder auf sich wirken zu lassen. 

Gleichzeitig findet dort auch eine Ausstellung von Metallskulpturen von Alexander Litwinow statt, die mit den Schwarzweiß-Bildern von Wolfgang Schreier sehr gut korrespondieren.