Stilleorte

Diese zusammenhängende unkonventionelle Schreibweise "Stillorte" habe ich bewusst so gewählt. Der Titel soll dich zur Auseinandersetzung damit anregen. Stille Orte oder auch Orte der Stille sind m. E. sehr unterschiedlich zu beschreibende oder auch zu erlebende Begriffe.

 

Heute war ich mal wieder im Klosterladen der Benediktinerinnenabtei in Fulda. Diese Abtei liegt mitten in der Stadt und ist - umgeben von hohen Mauern - ein Ort der Stille, der Ruhe, mitten im Trubel. Im Klosterladen lässt sich in aller Ruhe stöbern, durch kleine Fenster gibt es schöne Blicke in den sonnenbeschienenen frühlingshaften Klostergarten. Blaue Bänke laden zum Sitzen ein - aber wegen der Klausur leider nicht mich. Eine Nonne pflückt Blumen, der Klosterhund tollt im Garten herum. Die hohen Mauern, die von außen so abwehrend wirken, grenzen hier eine schöne Weite ein. Der höher gelegene, vermutlich aufgefüllte Boden des Gartens lässt sie auch von innen nicht so hoch wirken. Sehr schön, dass die Benediktinerinnen diesen Einblick in einen, in ihren Stilleort zulassen, das wirkt ansteckend.

 

Mit der Wortprägung "Stilleort" meine ich einen Ort, an dem ich Stille empfinde, an dem ich ruhig-still werden kann. Das ist z. B. auch mein Arbeitszimmer zuhause, hier kann ich mich zurückziehen, hier stört mich niemand. Auch als unsere Töchter noch klein waren, wussten sie, wenn ich dort bin, will ich nicht gestört werden.  Damals und auch noch lange Zeit, als die Töchter schon aus dem Haus waren, war das für mich als Lehrer wirklich ein Ort des Arbeitens, aber auch dafür brauchte ich Stille. 

Heute ist das ein Ort an dem sich neben meinem PC meine vielen Bücher finden, die pädagogische Fachliteratur hat Platz gemacht für andere breit gefächerte Bücher, darunter auch etliche Fotobücher. Hier findet sich auch meine Yogamatte und mein Meditationsbänkchen, hier mache ich auch meine täglichen Achtsamkeitsübungen, den Bodyscan oder die Meditationen. Hier kann ich zur Ruhe kommen oder genauer hier komme ich zur Ruhe.

 

Diese Ruhe und Stille brauche ich immer mehr. Die Achtsamkeit verführt mich dazu. Unsere jüngste Tochter, die über Ostern zu Besuch war, staunte, dass bei uns morgens beim Frühstück keine Musik mehr lief. Noch vor Jahren war morgens mein erster Gang der zum Radio. Auch wenn ich alleine zuhause war, lief meist Musik. Stille auszuhalten muss man erst lernen, dazu habe ich auch viel Zeit gebraucht.

 

Frühstücken heißt für mich heute: achtsames Essen - das Brot, den Yoghurt, die Banane und auch den Kaffee mit vollen Sinnen zu genießen. Viele Jahre habe ich auch gleichzeitig Zeitung gelesen, bis ich irgendwann schon während meines ersten achtwöchigen Achtsamkeitstrainings plötzlich gemerkt habe, dass das nicht mehr geht, dass es mir regelrecht widerstrebt. So ist auch das Frühstück für mich ein Stilleort im Tagesablauf geworden. 

 

Für solche "Stilleorte" gibt es viele Möglichkeiten, das können reale Orte sein, aber genauso auch Momente im Tagesablauf. Suche dir auch welche! Sie tun gut!


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Kommentare: 4
  • #1

    Elisabeth Hase (Freitag, 21 April 2017 11:56)

    Das was du schreibst kann ich gut nachvollziehen. und ebenso, dass sich die Orte der Stille in den verschiedenen Phasen des Lebens ändern. Wenn ich von meinen Kindern und Enkeln in die angenehme Wohnung zurückkehre, ist sie für mich der Ort der Stille, wird aber manchmal auch zum Ort der Langeweile. Manchmal finde ich im Bus, wenn viele Leute um mich sind, die meiste Ruhe. Herzliche Grüße Elisabeth

  • #2

    Daniel Streit (Samstag, 22 April 2017 12:01)

    Deine Gedanken zu den Stillorten faszinieren mich. Bei mir entsteht vielfach Positives in der Stille, meine Gedanken sind dort klarer. Deine Anregungen zu lesen tun echt gut. Grosses Kompliment.
    Liebe Grüsse aus der Schweiz
    Daniel

  • #3

    Bernhard Eichenberger (Mittwoch, 26 April 2017 17:55)

    Als junger Erwachsener habe ich eine Eistour in den Hochalpen im Alleingang gemacht. War allein auf dem Hüttenweg, in der Schutzhütte und dann auch am Berg. Ich habe damals erlebt, dass dieses Alleinsein, diese Stille für mich schwer auszuhalten war.
    Heute, nach über vierzig Jahren geniesse ich Momente und Orte der Stille, kann in mir ruhen und betrachte es als Ressource, aus dieser Ruhe hinaus etwas zu betrachten.
    Herzliche Grüsse
    Bernhard

  • #4

    Rainer Neumahr (Donnerstag, 27 April 2017 20:59)

    Da ich mich nach meiner Krankheit auch sehr viel mit Achtsamkeit beschäftige, kann ich das was du hier schreibst sehr gut nachvollziehen. Bei mir lief früher auch ständig der Fernsehen oder das Radio und ich musste immer was tun.
    Keine Ruhe im Hintern, hatte auch in meinem Beruf nach Feierabend Telefonbereitschaft bis 18 Uhr, bis es mich umgehauen hat.
    Heute kann ich mich in den Sessel setzten, in den Garten schauen und die Ruhe genießen. Wäre früher gar nicht denkbar gewesen. Danke für deinen Blog, tut richtig gut was du hier präsentierst.
    LG Rainer