Augenblickserlebnisse

In der vergangenen Woche war ich bei einem Solokonzert des Jazzpianisten Martin Tingvall. Ich hatte eine Ankündigung in  der Zeitung gelesen, mir war der Musiker vorher vollkommen unbekannt. Über Spotify habe ich mir als Vorbereitung des Konzerts mehrmals seine beiden Soloalben angehört. Es sind wunderschöne, fast meditativ angelegte Musiktitel mit eingängigen Grundthemen. Im Konzert spielte Martin Tingvall machtvolle Improvisationen zu diesen Themen, die immer wieder bruchstückweise erkennbar waren. Es war erkennbar, dass er hier die Musik lebte, der Flügel musste es aushalten. Die Improvisationen waren voll von genialer Dynamik. Es war ein unwiederbringliches Erlebnis. So schön seine Alben anzuhören sind - eines habe ich mir auch an diesem Abend gekauft - so "enttäuschend" sind sie gegenüber diesem Live-Erlebnis. Ich genoss jeden einzelnen  Augenblick des Konzertes und hätte noch stundenlang zuhören können. Ihm machte der Abend in Fulda auch sichtlich Spaß und es gab trotz der eher dürftigen Zuhörerzahl viele Zugaben. Zusätzlich gab es von Martin Tingvall auch Amüsantes und Erklärungen zu den einzelnen Stücken, die mich die Musik noch besser erleben ließen.

Beim Fotografieren geht es mir oft auch so, ich genieße den Akt des Fotografierens. Mit der Kamera losziehen, Motive entdecken und festhalten, das ist für mich das Achtsame in diesem Prozess. Wobei "Festhalten" eigentlich das falsche Wort ist, man kann einen Augenblick nicht festhalten. Genau wie die Musik in diesem Konzert einmalig  und nicht wiederholbar war, so kann auch der jeweilige Augenblick nicht fotografisch erfasst werden. Wir schaffen lediglich ein Bild des jeweiligen Motivs, eine Art von Erinnern an den entsprechenden Augenblick. Ich stelle bei mir auch immer wieder fest, dass der Moment des Fotografierens für mich das Erfüllende ist. Die gemachten Bilder sind oft auf den ersten Blick enttäuschend, weil der "festgehaltene" Augenblick tiefer und beeindruckender war. Mir fällt es daher auch leicht mich von den Bildern, die weniger gelungen sind, zu trennen und sie zu löschen. Achtsam bin ich beim Fotografieren, wenn mir die Motive direkt ins Auge springen. Gerade bei der Streetfotografie, die eines meiner liebsten Metiers ist, kommt es auf den Augenblick an. Erkenne ich das Spannende und löse im richtigen Moment aus, dann ist das ein Erlebnis mit Tiefgang. Ich bezeichne meine Aufnahmen auch gerne als "Bilder des Augenblicks".