Aesop, Achtsamkeit und Fotografie

In einer Fabel von Aesop streiten sich Herbstwind und Sonne, wer denn wohl der Stärkere sei. Sie beschließen einen Wettkampf und derjenige, der einen Wanderer, der gerade des Wegs kommt, zuerst dazu bringt seinen Mantel abzulegen, der sei der Stärkere. Je heftiger der Herbstwind aber bläst und wütet, um dem Wanderer den Mantel zu entreißen, desto fester hüllt der sich in seinen Mantel. Der Sonne dagegen gelingt es allein durch ihre Wärme ganz schnell , den Wanderer seinen Mantel ablegen zu lassen. 

 

Über diese Fabel haben wir beim gestrigen Treffen unseres Achtsamkeits-Jahrestrainings philosophiert. Wie oft sind wir doch der Herbstwind, der mit aller Gewalt etwas erreichen will, der mit dem Kopf durch die Wand will - und erreichen es doch nicht. Wir verausgaben uns in nutzlosen Diskussionen, steigern uns in eigentlich unerreichbare Zielsetzungen hinein. Alles, was wir dabei erreichen, ist dass wir andere vor den Kopf stoßen und uns selbst vielleicht sogar krank machen. Auch ein Burnout kann hierin sein Ursachen haben. Wie viel angenehmer müsste es doch dagegen sein, die Rolle der Sonne einzunehmen und uns einfach - ohne jegliche Anstrengung - wirken zu lassen. Aber genau das fällt uns so schwer, obwohl es doch eigentlich so nahe liegend ist. 

 

 

Auch als Fotograf mache ich immer wieder diese Erfahrung. Ein bestimmtes - oft utopisches - Bild ist in meinem Kopf, ein Motiv muss in einem genau überlegten, aber kaum zu erreichenden Muster festgehalten werden. Wir legen uns stundenlang auf die Lauer, versuchen uns an diesem Motiv immer wieder - und die Frustration wird immer stärker. Wir besorgen uns immer bessere und zwangsläufig treuere Technik, aber auch sie kann nicht Unmögliches möglich machen. Wie oft sind wir dann von unseren Bildern enttäuscht, weil wir zu festgelegt waren.

 

Ich komme immer mehr zu der Erfahrung, Bilder des Augenblicks zu machen. Die Motive einfach kommen zu lassen, sie nicht mühselig zu suchen. Und genau das hat meinen Blick und auch meine Bilder verändert. Ich möchte aber nicht verschweigen, dass ich doch immer mal wieder in die Rolle des Herbstwindes verfalle.Dennoch geschieht allmählich in meinem Fotografieren ein Wandel und genau der hat seine Ursache in dieser so verstandenen Achtsamkeit. Ich bin mit meinen Bilder, die anders geworden sind, zufriedener und insgesamt gelassener. Mein Hobby macht mir viel mehr Spaß, weil ich damit intensiver lebe und erlebe. Meine Umwelt nimmt die Andersartigkeit meiner Bilder wahr und bestätigt mich darin.